wurde aber auch Zeit! oder?
Auch das Hausfrauen-Syndrom genannt:
Martina nimmt den Küchen-Fettwegreiniger in die rechte Hand und das trockene Handtuch in die andere. Sie hebt ihre einbandagierte Hand, mit dem antibakteriellen Reinigungswasser zwischen den Fingern, um zu beginnen. Und da ist es: Das Hausfrauen-Syndrom! Flecken, einer nach dem anderen, die sich ihr wie aus dem Nichts offenbaren. Sie muss ehrlich zu sich sein und also spricht sie in forschem Ton zu sich selbst: "Jetzt wohne ich schon drei Jahre hier in diesem Haus und hab noch nie die Küche geputzt!" Martina kratzt sich am Kopf, weil es sie dort gerade heftig beisst. Was war sie bloss für eine unsoziale Mitbewohnerin? Egal. Zu den Flecken! Schon reibt sie an einem dunkelgelben, länglichen Ding. Erst mit der linken Hand. Geht nicht. Also rechts. Gut. Naja, einigermassen gut. Trotzdem rechts gewinnt. Und reibt.
Der zweite und dritte Fleck etwas oberhalb des ersten Fleckenopfers fällt Martina sofort ins Auge. Erst fühlt sie sich elend. Sie ist getrieben und gezwungen! Phu. "Ich krame das Weibs-Rüst-Zeugs halt zu wenig aus meinem Unterbewusstsein hervor!" tröstet sich Martina laut und deutlich, hebt ihren Kopf, um einen Blick in die Spiegel-Oberfläche des Backofens zu werfen. Sie lächelt.
Endlich versteht sie die Hausfrauen. Das Starren auf die immergleichen Küchenabdeckungen weitet das Auge und sensibilisiert es für Sinneseindrücke. Sind es leichte Flecken, unterscheiden sie sich nur durch einen leicht dunkleren Teint... äh ist ja auch egal. In Martinas Ohren klingt das ganz logisch. Den geübten Blick der Hausfrauenzunft kann eine Anfängerin wie sie einfach noch nicht besitzen. Alles muss gelernt sein. Und Putzen setzt Disziplin und Regelmässigkeit voraus. Zwei Eigenschaften, die nicht gerade zu ihrem bevorzugten Repertoire gehören.
Kann sie überhaupt irgendetwas vorzüglich? Ist sie nicht doch ein dummer Mensch? Ruhe! schreit sie innerlich und murmelt dabei nur. "Konzentrier dich auf die Flecken, Martina, konzentrier dich auf die Flecken verdammt noch mal!" Jeden, den sie entdeckt, begrüsst sie, gibt ihm kurzfristig einen Namen, um ihn unter selbem wieder zu beerdigen. Wie lange so einer wohl an diesem Kühlschrank kleben, atmen und gedeihen darf? Vielleicht war einer ja sogar bereits drei Jahre alt und niemand hat ihn je entdeckt oder bearbeitet. Nichts hielt ihn, den Fleck, von seiner Festung ab. Und nun kommt Martina jedem noch so kleinen, kaum sichtbaren Flecken auf die Spur und befördert ihn endgültig ins Jenseits. Unter anderem eben auch Hüni! Der, der sich so lange, lange gewehrt hatte, auch heute wieder. In sechs Minuten hat sie ihn eliminiert. Dem Erdboden gleichgemacht. Kein anderer Flecken hat das so lange durchgehalten. Der Hüni-Flecken ist der Stärkste. Dem hat es wirklich was bedeutet, seinen Lebensabend in der Küche der versifften WG zu verbringen. "Ich nehme an, er wusste, dass er hier nicht steinalt werden konnte. Aber für einen Flecken hat er sicherlich überdurchschnittlich lang überlebt!" Martina ist fasziniert von Hüni: "Hüüüni…."
Plötzlich bereut sie. "Nein!" juckt sie auf. Warum hat sie bloss den Hüni weggeputzt? "Scheisse! Himmelarschundwollsau!" Sie hat ihm das Leben genommen! Vielleicht hat er ja noch nicht alles erledigt? Er war doch erst drei Jahre alt! Ach nein, und hier haben wir, na was für ein Zufall, scheisse, "ich habe eine Romanze zu einer Tragödie verkommen lassen! Vreni!" Flecken-Vreni klebt da vor Martina an der Küchenschublade, noch nicht ganz zerstört, aber wohl schon höchstgradig schwer verletzt.
Nur einige Zentimenter hatten sie und Hüni vor Martinas Tötungsaktion voneinander entfernt gelegen. "Willst du zu deinem Liebsten, Vreni, soll ich dir deinen allerletzten Wunsch erfüllen?" Sie guckt mitleidig zum Achtel übrig gebliebenem Vreni und zeigt jetzt Herz. Schnell putzt sie den Flecken-Vreni-Rest weg, muss doch noch kurz stark schrubben - wohl ein letztes Aufbäumen - und legt die dreckige Liebesgeschichte unter "ferner liefen…" ab.
Martina sitzt auf dem kalten Küchenboden, ohne zu realisieren, dass er wirklich kalt ist. Die Putzorgie hatte sich zu einer Traurige-Abgänge-von-Flecken-Geschichte entwickelt. Sie steht auf, weil es sie schon wieder drängt, sich im Spiegel des Backofens anzugucken. Vielleicht, um sich ein weiteres Mal zu überzeugen, dass sie trotz dem Schwachsinn, den sie sich da ausdachte, noch ganz hübsch anzusehen ist. Sie schüttelt traurig den Kopf: "Ach herrie, ich kratze ja nur an der Oberfläche!" nervt sich Martina und ihr Bauch füllt sich mit Beton-Blöcken. Sie reibt an Urs und schnauft heftig. Urs ist länglich waagrecht und dreckiger als andere Flecken. Aber auch frischer. Ein Schuhabdruck vielleicht? Egal. putzen, putzen, putzen. Die eingegipste Hand schmerzt. Doch: Putzen tut gut. Denkt sie. Es lenkt ab. es wirkt gar befreiend. In die Welt der Flecken abtauchen, ihnen zwar das Leben nehmen, aber auch einen respektvollen Umgang mit ihnen pflegen. "Einen Nutzen haben sie ja bereits für mich, meine Urse, Vrenis und Hünis helfen mir, nicht an die Realität denken zu müssen, sondern an Flecken und plötzlich ist mein Traumjob: Hausfrau! Putzen, einkaufen und schlafen... Ja ja ist ja gut, ich höre eure Vorwände, es ist noch viel mehr als "nur" das. Da sind …. und …… ach ja natürlich auch ……. und natürlich nicht zu vergessen: "……….".
Okeoke, doch lieber einen anderen Beruf!